Geistig gelähmt

Als ob all der Ärger und er Kummer der letzten Tage und Wochen noch nicht genug wäre, greifen nicht nur die Schatten meiner erlebten Vergangenheit nach mir, sondern auch die Schatten meiner emotionalen Vergangenheit, kratzen und krallen sich fest in meinem Hirnstamm.

Ich sitze hier und kämpfe mit den Tränen – unterliege im Kampf und habe doch nicht mehr zu beweinen, als mich selbst und meine Unfähigkeit aus mir und meiner Situation auszubrechen.

Bei den großen Alten! Ich hätte heute und gestern wirklich ein Dutzend andere Dinge, bessere Dinge, zu tun gehabt, doch war ich wieder auf der Suche. Wie eine Drogensüchtige auf der Jagd nach dem nächsten Trip, habe mich wieder in allen dunklen Ecken des Netzes herum gedrückt, bin an Herren herangetreten, von den ich mir versprach, sie hätten was ich suchen würde und habe mich am Ende selbst wieder verraten – meine eigene beschissene Doppelmoral ausgelebt und kotze mich nun an, ekel mich vor mir und nicht all das Wasser der Welt würde ausreichen, um mich zu reinigen.

Es ist so lästig, so ätzend und widerlich und ich war froh, dass ich es mit dem Beginn der Hormontherapie, vor allem von Beginn der Behandlung mit Andorkur im Griff hatte – nun sucht sie mich immer wieder heim und quält mich: diese verdammte, drei Mal verwünschte Libido. Anfangs kam sie alle 3 Monate über mich und war, Vorsicht – schlechter Wortwitz, schnell und einfach wieder abgeschüttelt. Seit nun gut einem halben Jahr, wurden die Intervalle immer kürzer und nun ist es so weit, dass ich fast wöchentlich den Drang verspüre dem Trieb zu folgen. Generell habe ich das Gefühl, als flute wieder viel zu viel Testosteron durch meinen Leib. Die Muskeln reagieren auf kleinste Reizung mit Wachstum. Der Mensch reagiert aggressiv und verliert sich wieder in Tobsuchtsanfällen und Drohgebärden.
Vielleicht habe ich mir wirklich die letzten 3 Jahre zu viel gefallen lassen und das platzt nun aus mir heraus, weil mir alles immer gleichgültiger wird, vielleicht stimmt mein subjektives Empfinden aber auch und ich habe wirklich wieder mehr von dem geistesvernebelnden und lähmenden Gift in den Venen kreisen.

Ich will sie abschneiden, einfach abhacken, das Ding gleich mit, doch so einfach ist es nicht. Ich brauch ihn noch, brauche die Haut, die Nerven, ein paar Gefäße. Er wird für immer bei mir sein, versteckt, hinter Fassaden, Hautlappen, Geheimnissen, die nur durch die Stimme und ausbleibendes Blut und Geburt gelüftet werden.

Kein Monat mehr, dann bin ich 32, bin seit 4 Jahren geoutet, seit mehr als 3 Jahren in Hormonbehandlung und doch keinen verfickten Schritt weiter. Sagt der Bund ab, geht’s noch dieses Jahr zum Operateur und ich leite alles in die Wege. Ich kann so nicht weiter mache, ich kann mich nicht wieder und wieder für etwas hassen und verurteilen, für das ich doch nichts kann. An dem Erhalt des Status Quo bin ich aber Schuld, dessen bin ich mir sicher. Arbeit hin oder her, der Plan war, dass ich mich nach der Lehre kümmere und einen Dreck habe ich gemacht. Ich habe mich wieder und wieder hinter Ausreden versteckt. Scheiße, ich will dieses verdammten Schritt endlich gehen, und noch einmal Scheiße, ich habe Angst davor!

Keine Angst, dass es falsch sein könnte, sondern einfach nur die Angst, dieses beschissen wichtige Ereignis so wie alles in meinem Leben allein meistern zu müssen. Es allein zu feiern, wenn es so weit. Allein aufzuwachen. Vielleicht allein den Löffel abzugeben.
Der Gedanke verstärkt den Druck auf die Tränen, doch wird es so kommen, oder ich warte mein Leben lang und werde auch mit diesem Geburtsfehler das Zeitliche segnen.

Wäre das schlimm?

Ich habe es doch versucht!

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