Der Knoten ist geplatzt

Und allen Anschein nach nicht nur der Knoten, sondern auch bald mein Arsch!

Dass man aus den Wünschen, Hoffnungen und Träumen der Mensch schon immer das größte Kapital schlagen konnte und kann, beweist jeglicher Blödsinn von den Versprechen der Religionen und Sekten, bis hin zu dem, was wir hören wollen, das uns Wahrsager und Astrologen weismachen wollen.
Besonders ergiebig scheint das Geschäft, wenn um Einsamkeit geht und noch um einiges ergiebiger, wenn die Einsamen einer (sexuellen) Minderheit angehören.
Da klingelt die Kasse! Da kostet die alte russische Gasmaske, die beim Flohmarkt um die Ecke für den obligatorischen Euro mit Filter über den Tisch geht, gleich mal 60 Steine, weil sie das Wörtchen Fetisch in Titel und Artikelbeschreibung trägt. Eine schnöde Windel, die aus der Packung genommen und runter gerechnet vielleicht um die 50- 80 Cent kostet, liegt im Sexshop um die Ecke für 5 Euro das Stück im Regal. Bondageseile, BDSM-Möbel und so weiter – die Liste ist endlos!
Nun wird vielleicht der Eine, oder die Andere sagen: „Ja das sind ja aber alles Fetischartikel und keine Gegenstände des Alltags!“ Andere werden blubbern: „Spaß kostet, Alter!“
Ja und ja! Aber damit ist grade einmal die Einleitung abgefrühstückt! Sicher sind das Dinge, die wir nicht zwingend zum Überleben brauchen, auch wenn das einige wenige vielleicht ein wenig anders sehen mögen.

Fakt ist, auch aus der Liebe lässt sich reichlich Kapital schöpfen und damit meine ich nicht die käufliche Liebe, die Schantalle und Ling Ling um die Ecke anbieten mögen. Ich rede von dem Verlangen nach Nähe!
Wie kann man diesem Verlangen nachkommen? Ausgehen! Ganz klar! Aber wo lernt man heute noch Leute kennen? In einer Bar? Vielleicht! In einer Disko? Grade als homosexueller Mensch wohl eher ein Minenfeld, wenn man nicht eine spezielle Feierlichkeit aufsucht. Was ist mit Jenen, die keine Szene um sich haben, weil sie vielleicht auf dem Land leben, oder die nicht weggehen können, weil sie unmögliche Arbeitszeiten haben, Kinder haben, krank sind? Für die bleibt als Fenster nach außen. häufig nur das Internet, welches die Zeitungen und Zeitschriften in diesen Fragen schon lange abgelöst hat.
Stürzt man sich ins Internet, tümmelt man sich zwischen allerlei anderer Fischen, die zwar da sind, aber von denen mir nicht mehr sehen können, als das Bild, welches sie zulassen, uns zu sehen, ohne dass es eine Gewissheit gibt, dass die Person auf dem Bild auch die ist, mit der man sich grade so angeregt schreibt.
Hand aufs Herz und anschließend in die Luft, wer hat nicht schon gestaunt, wie gut einige Leute offensichtlich mit Photoshop bei der Hand sind, oder wie schnell sie altern, da sie locker 50 Jahre mehr auf dem Buckel haben, als auf dem Bild zu sehen! Hier! Ich melde mich! Habe ich alles schon erlebt!
Mein Favorit ist ja immer noch LKW-Fahrer Bernd, der sich als Laura-Mausi-Sweetheart verkauft und jegliche Form der verbalen und realen Kommunikation ablehnt, bis die Bombe platzt.

Wen verwundert es da, dass die Männlein und Weiblein und Wesen hoffnungsvoll angeströmt kommen, wenn da ein Anbieter verspricht, dass bei ihm für jeden die/der/das Richtige dabei ist, dass alle Personen real sind und dass das alles vollkommen sicher ist. Verheimlicht oder ins Kleingedruckte gepackt, werden dann relativierende Fakten, wie der monatliche Beitrag, der immer wieder durch zeitlich begrenzte Lockangebote verwaschen wird und ohne den auf der Seite so gut wie nichts geht, schon gar keine Kontaktaufnahme zu anderen Nutzern und Nutzerinnen. Verheimlicht werden Praktiken, wie das vom Seitenbetreiber geschaffene Netz an Bots und Fakes, die in regelmäßigen Abständen, das eigene Postfach mit ihrem Scheiß verschönern. Da erhält man schon man von der lustvollen Krankenschwester Jenny ein Kompliment für ein Bild, welches sie gar nicht sehen kann.
Schon ziemlich arm – aber macht echt reich!

Doch muss man gar nicht so weit gehen und eine eigene Community ins Leben rufen. Es reicht oft auch aus, wenn man sich irgendwie, für irgendwen, wichtig gemacht hat, sich eine Basis an Lesern/Zuhörern/Zuschauern aufgebaut hat um ihnen dann die Knete aus der Tasche zu zaubern.
An der Stelle kurz der Hinweis: es ist nichts falsch oder verwerflich daran, wenn man sich als eine repräsentative Person etablieren konnte. Kritisch sehe ich, wenn man diese Position nutzt um Kapital aus der Sache zu schlagen und die Kotze treibt es mir den Rachen hinauf und bis vor an die Schneidezähne, wenn diese Personen sich dann noch als Retter und Helfer bezeichnen die nur mein/dein/euer/unser aller Bestes wollen: unser Geld!
Heute gesehen, heute auf den Markt geworfen – ein Buch von einer jungen Frau, die sich als unser aller Freundin präsentiert und uns beim Outing helfen will. Angerissen werden auch Themen, wie ich sie oben schon kurz anschnitt: der Kontakt zu anderen und so weiter, aber das ganze wohl eher allgemein gehalten. Ich gebe zu, ich habe nicht ins Buch direkt schauen können (und wollen), doch habe ich alles was als freies Material verfügbar war, durchgelesen und in mir wollte ums Verrecken keine Begeisterung aufkeimen. Ich habe mir die 4 Grundpfeiler der Werks und deren Aufschlüsslungen angesehen. Habe (super neutrale) Kundenstimmen gelesen, die schon am Releasetag auf er Website verfügbar waren und sicher nicht aus dem unmittelbaren Umfeld der Autorin stammten. Ich habe mir auch sonst die gesamte Werbung zum Buch angetan und am Ende dachte ich, schau dir doch einmal an, was der Spaß kostet. 13 Euro das e-Book, 17 Euro das Taschenbuch mit knapp 300 Seiten. Ohne Zwischenhändler der Sicherheit gibt, alles direkt via Paypal zu ordern. Es gibt aber eine 100% Geld-zurück-Garantie. Klingt gut?! Denkste! Nichts mehr als die Standard-14-Tage-Rückgabe, bei Onlinehandel durch den Gesetzgeber vorgesehen.
Um fair zu bleiben, wer sich mit etwas Arbeit gemacht hat, soll für diese Arbeit auch entlohnt werden, ganz klar, aber die Behauptung der Autorin ALLES für dieses Buch gegeben zu haben, rechtfertigt den Preis in meinen Augen nicht. Ganz und gar nicht!
Balian Buschbaums – Blaue Augen bleiben blau habe ich für weit unter 10 Euro damals als Taschenbuch erworben und da kam das Buch neu auf den Markt. Zwar Belletristik, aber für Glukovskys Metro 2035, immerhin gut 770 Seiten, war ich 15 Euro los.
Zu der Rechtfertigung des Preises kommt in meinen Augen noch die fragliche Daseinsberechtigung des Werks an sich. Ich meine, sind wir doch einmal ehrlich, wir können uns noch so gut vorbereiten und drölfzig Artikel, Bücher und Leitfäden zum Thema Outing, Selbstfindung und Homosexualität lesen, wie unsere Umwelt letztlich reagiert, kann keiner von uns voraussagen, als letztes ein kleines Buch, welches meint mir bei grundlegenden Fragen zu meinem Leben helfen zu können. Ich kenne genug Frauen und auch Männer, die sich ihrer Sexualität mehr als nur sicher waren, die sich ihre jeweiligen Symbole sogar in die Haut stechen ließen, so sicher waren sie, die nun aber als ehemals überzeugte Lesben 4 Life, mit einem Mann verheiratet sind. Ich kenne Männer, auch in meiner entfernten Verwandtschaft, die mit Frauen Kinder haben, verheiratet waren und nun mit einem Mann zusammen leben und das nicht nur als schlampig-fetzige Männer-WG jetzt zur fucking WM! Ich denke, wenn wir den oder die richtige treffen, dann macht es klick, das Herz springt und man scheißt auf ein Label, welches man sich selbst oder andere einmal gegeben haben und/oder geben. Das Buch ist mit seiner gesamten Aufmachung, für mein Gefühl, an eine Leserschaft im Alter von 12 – 16 gerichtet, die sicher Infos dringend nötig haben, aber ebenfalls ganz sicher, kein Buch, welches ihnen sagt, was sie sind oder was sie nicht sind.
Sind wir doch mal ehrlich: so ein Buch ist nett, wie ein Chemiebaukasten, der mit seinen vorgefassten Experimenten erst interessant, letztlich harmlos und sehr bald langweilig daher kommt. Viel mehr Spaß macht es doch, alles der eigenen Neugierde nach zusammen zu mischen und zu hoffen, dass man Gold erschafft, oder dass es doch wenigstens gleich laut knallt, raucht und faulig stinkt! Sicher es birgt auch Gefahren in sich, aber die gehören zum Erfahrungsschatz eines erwachsenen Menschen dazu! Dafür ist die Jugend da, dass man experimentiert! Klar, es ist super wenn man so ein Gefühl hat, dass man sich zu jemanden hingezogen fühlt, obwohl es verboten scheint, und dann in einem Buch schmökert, welches hilft dieses Gefühl beim Namen zu nennen. Doch was hast du davon, wenn du es beim Namen nennen kannst?! Nichts!
Ich kam mit 14 zur Erkenntnis, dass ich mich in der Rolle, oder wohl zu Beginn mehr der Kleidung, einer Frau wohler fühle, als in meiner eigenen Angestammten, wie die Jungfrau zum Kinde. Mit etwa 16 hörte ich das erste Mal von Transsexualität – hatte also endlich einen Namen für das Ganze, aber davon keinen Nutzen. Absolut keinen, weil es einfach an Anlaufstellen und vor allem der eigenen Akzeptanz fehlte. Meine Reaktion auf diese Erkenntnis: saufen und anschließend die Arme und final die Pulsadern aufschneiden. Mit 21 kam ich mir mir selbst klar, die erste Welle des Outings rollte an und ob man mir nun half oder nicht, wie meine Mitmenschen reagierten konnte ich nicht absehen. Menschen von denen ich dachte sie schätzten mich, mieden mich mit einem Mal. Menschen denen ich es nicht zutraute, wurden zu Vertrauten und besseren Freunden als ich es je ahnte. Das finale Outing bei der Familie ein Jahre später war so durchwachsen, wie ein Kammsteak, für 1 Euro das Stück, trotz dessen dass ich Jahre am Outing arbeitete, schlaflose Nächte hatte und immer wieder im Kopf durchging, was alles passieren konnte. Was schief gehen will, wird schief gehen!

Wenn den Bücher geschrieben werden sollten, dann doch eher für beide Seiten, da auch die Eltern und das Umfeld zu den Betroffenen gehört, nicht nur der homosexuelle Mensch, den das Buch anspricht. Ich habe damals versucht das Verständnis für meine Situation meiner Mutter klar zu machen, indem ich ihr, das genannte Blaue Augen bleiben blau gab, als ich es ausgelesen hatte. Ich weiß bis heute nicht, ob sie es gelesen hat, auf mich zu ging sie nach diesem Schritt jedenfalls nicht. Später als The danish girl in die Kinos und danach auf BR und DVD kam, habe ich ihr diesen Film ausgeborgt. Sie sah ihn, er hat sie berührt, aber mich besser verstanden, hat sie deswegen auch nicht.

Egal! Zurück zum Ausverkauf. Es ist ja nicht nur so, dass Madame ihr Büchlein mit dem fragwürdigen Nutzen anbietet, nein sie hat sich und ihren Blog und damit auch den Regenbogen als Livestylemarke erschaffen und versucht ihn zu etablieren.
Wie find ich das? Flagge zeigen, find ich topp!
Das Ganze als Mode und Livestyle zu verklingeln, vor allem wenn man an jeder Stelle jammert, dass man doch benachteiligt und diskriminiert wird, albern, aber das darf jeder Mensch gern für sich selbst entscheiden. Sichtbarkeit ist wichtig, aber auch der normale Umgang, ohne sich selbst als was Besonderes hinzustellen und dauernd eine Sonderbehandlung zu fordern. Aber an der Stelle wiederhole ich mich zum gefühlt tausendsten Mal.

Normaler Umgang und Sonderbehandlung, das sind die perfekten Schlagworte für den Abschluss. Anlässlich des Pride-Month wird man auch auf Facebook, so man die LGBTIQ-Seite geliked hat, regelmäßig über alles mögliche unterrichtet, was zu dem Thema wichtig sein könnte. So auch wurden 5 sogenannte Leader der Szene präsentiert. Ich wusste nicht, dass wir Führer haben und wenn doch, wüsste ich nicht, warum ich einem solchen folgen sollte. Ich denke, ich bin da als Deutsche ein wenig vorgeschädigt, auch wenn diese Leader alle aus den freien und großen USA kommen. Was mir dort aber als schillernde Führungspersonen nahegebracht wurden, brachte mich gleich wieder in Wallung. Halb-Mann-Frau-Hybride und wenn ich halb sage, meine ich halb der Vertikalen nach geschnitten. Sehr alltagstauglich. Bärtiger Kerle in Abendkleidern und, wie sollte es auch sein, dicke kurzgeschorene Regenbogen-Iro-Lesben. Wenn Millionen Menschen, die im Alltag integriert sind von solchen Gestalten wieder und wieder repräsentiert werden, wenn man die eigene Sexualität für wichtiger und besonderer, als die der anderen erachtet, braucht man sich über die Ablehnung der Mehrheit nicht wundern. Die Sonderbehandlung der Einen, ist die Diskriminierung der Anderen.

Ihr Führer und Repräsentanten, ich hab‘ euch nicht gewählt!

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