Wohin geht es..?

Der Autor, Journalist und Literaturkritiker Cyril Connolly schrieb:

„Es ist besser, für sich selbst zu schreiben und kein Publikum zu haben, als für Publikum zu schreiben und kein Selbst zu haben.“

Dieses sehr kluge Zitat arbeitet schon seit ein paar Tagen in mir und ich überlege, wie wichtig mir meine Arbeit ist.

Sicher hat man, wenn man so etwas wie ein Buch schreibt, auch den Hintergedanken, dass man damit erfolgreich sein könnte und Geld verdienen würde. Zu der Monetarisierungsabsicht, kommt aber auch der Wunsch nach Anerkennung.

Angefangen zu schreiben habe ich, weil ich eine Geschichte erzählen wollte. Erst wollte ich die Geschichte nur für mich selbst schreiben, wie ich viele Geschichten davor schrieb. Dann wollte ich aber endlich wissen, wie gut, oder auch schlecht, die Geschichte ist. Sie bestand noch nicht aus mehr, als der Idee und einer eröffnenden Handlung. Die Geschichte kam an, entglitt mir dann aber zu sehr in eine Windelfetisch-Story. Das Echo auf die Erzählung und die Art des Erzählens wurde negativ. Ich nahm es mir zu Herzen und erkannte, dass die Probeleserin-Leserin Recht hatte.
Ich behielt die Idee, wechselte die Perspektive von Ich-Erzähler, zu einem außenstehenden Erzähler und packte mehr Detail und weniger eigene Triebhaftigkeit in die Story (wobei die beginnende Hormontherapie enorm hilfreich war) und in 3 Jahren wuchs die Geschichte fast von ganz allein. Immer phasenweise, so wie bei mir üblich, schrieb ich. Mal 3 Tage, jeden Tag nach der Arbeit – Mal 3 Wochen, auch immer dann, wenn ich Feierabend hatte. Die einzige wirkliche Arbeit die ich hatte, war die der Recherche zu einigen Fakten. Der Rest floss mir aus den Fingern und so schwer und dramatisch der Inhalt war, so viel Spaß hatte ich auch. An Freitagabenden trank ich beim Schreiben ein oder zwei Bierchen und hatte das Gefühl, dass ich mit einer guten Freundin ein Abenteuer erlebe. So habe ich letztlich auch kein Gespür mehr dafür gehabt, wie die Zeit verging – ich hatte einfach eine tolle Zeit. Wie es aber immer mit den schönen Dingen im Leben ist, sie vergehen – im Gegensatz zu so manchem Schmerz.
Ich glaube nicht daran, dass eine Geschichte, die so nah am Leben ist, ein anderes Ende nehmen kann, als das Leben selbst – ich glaube nicht an Happy Endings. So lag es auf der Hand, als ich die letzten Zeilen dieser Geschichte verfasste, hatte ich meine beste Freundin zu betrauern und ich tat es. Vielleicht das erste Mal im Leben trauerte ich. Ich trauerte um eine fiktive Person, stellvertretend für die, um die ich nicht wirklich trauern konnte, weil ich immer stark sein musste und deren Verlusste noch immer klaffende Wunden – keine Narben – für mich sind.

Wir lachten, wir weinten, wir verliebten uns, wir hatten Angst, wir wurden wütend und wir trauerten.

Ich hatte einen Narren an dem Spiel aus Wort, Emotion und Leben gefressen und kaum waren die Tränen, die ich Ihr nachweinte, richtig abgetrocknet, schuf ich eine neue Welt. Alle die mein erstes Buch teilweise oder komplett zu Lesen bekamen, sahen zwischen mir und Ihr mehr als nur Parallelen. Sie sahen in Ihr mein Selbst. Ich sah das nie so. Darum schrieb ich in der neuen Geschichte, wieder aus der eigenen Perspektive und gab mir selbst die Hauptrolle auf diesem Wege. Ich wollte endlich angekommen sein, träumte mir eine Beziehung herbei und formte uns eine Welt. Es gelang, ich selbst lebte in dieser Geschichte und war in meinem Selbstsein so authentisch, dass ich auch meine eigene Schwäche, meine Macken und Störungen in diese Welt hineintrug. Das Ergebnis: laut Leserinnen, sehr authentisch, teilweise verstörend aber schön zu lesen, da es eine Seite von mir preis gab, die nur wenige, wenn überhaupt ein Mensch, jemals sehen durften. Es sollte keine Jahre dauern, dass diese Geschichte ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Einen Höhepunkt, den ich in meinem Leben bisher nur in weiter Ferne anstrebe, herbei sehne, von dem ich mir aber immer öfter nicht mehr sicher bin, ob ich ihn je erreiche.
Ich nahm meinen wenigen Mut zusammen und veröffentlichte diese zweite Erzählung. Die Verkäufe verblieben in einer überschaubaren Größenordnung, das Feedback blieb im Kreis der Bekannten.

Ich stand wieder ohne die Droge des Schreibens da und sehr bald überkam mich der Entzug. Ich versuchte mich an 3 neuen Ideen, scheiterte aber bei einer an der Zeit, bei der anderen an dem eigenen Hintergrundwissen, um es authentisch herüber zu bekommen und bei der dritten verlor ich einfach das Interesse an der Grundidee und erwischte mich in einer niveaulosen Schlachtorgie. Psychopathische Frauen die töten, um die Welt zu bestrafen, aus der Egoperspektive, verleiten doch zu sehr, die eigene Wildsau im Garten der Tabus wüten zu lassen. Ich lies es bleiben.
Ich kehrte in die Ego-Welt zurück und erwachte im zweiten Teil meiner fiktionalen Biographie. Der Anspruch war gewachsen und zum ersten Mal schrieb ich von Anfang an mit dem Ziel der Veröffentlichung schon vom Beginn an. Es kostete viel Zeit und wurde mehrfach umgeschrieben. Mal war es nur ein Teil, aber auch einmal wurde alles gekippt und ich begann von Neuem. Diese Geschichte lasen nur noch zwei: eine ehemalige gute Freundin, zu der der Kontakt wieder ein wenig antaut, nach dem es sehr kalt zwischen uns wurde und meine Ex. Geäußert hat sich nur die Ex und sie lobte das Werk, als eine gute Weiterentwicklung mit einer echten, interessanten und bewegen Story. „Es ist alles ein wenig erwachsener und gefestigter“ – war die Zusammenfassung. Nach diesem Urteil habe ich noch weitere 2 Monate in 3 weitere Durchläufe der Überarbeitung gesteckt und wieder Passagen geändert. Nicht weil sie schlecht waren, sondern weil ich sie entschärfen wollte, um nicht selbst als potentielle Serienmörderin da zu stehen. Immerhin schrieb doch ich – über mich – aus meinem Kopf heraus.
Dieses Mal konnte ich die Veröffentlichung nicht erwarten. Ich kompilierte, bastelte unbeholfen ein Cover und warf es auf den Markt. Amazon checkte es, lies es zu und seit dem verkaufte sich das Buch nur ein einziges Mal.

Ich lass‘ diesen Fakt seither setzen und vergreife mich nicht mehr an der Geschichte, bis ich nicht mein Erstling so weit habe, dass ich ihn auch endlich veröffentlichen kann.

Doch, um endlich den Bogen wieder zum Zitat zu spannen, will ich das wirklich? Ich überarbeite die Geschichte grade zum dritten Mal komplett von von bis hinten. Hier und da fliegt ein Fehler raus, wird ein Zeichen gesetzt, etwas ergänzt oder auch gekürzt. Da ein Satz, der miss- oder unverständlich ist, dort ein Wort in der dritten Wiederholung ersetzt. Grade schreibe ich das Ende noch einmal um, um es einfach dem Buch anzupassen, in das so viel Herzblut geflossen ist, aber im Großen und Ganzen, ändere ich an der Story nichts. Ich lese sie nun auch schon zum dritten Mal komplett und bin immer wieder von mir selbst und der Frucht meines Geistes angetan. Ich gebe es zu: ich bin sehr stolz! Aber ich bin auch extrem unsicher, was das Werk und vor allem die Hauptfiguren betrifft. Ich könnte es nicht ertragen, wenn sie jemand nicht mag, denke ich. Ich würde mich schwer damit tun, wenn das Buch verrissen wird. Ich weiß, dass ist immer das Risiko einer Autorin, wenn sie veröffentlicht, aber es beängstigt mich dennoch. Schwer zu beschreiben.
Ähnlich schwer zu beschreiben: meine Angst, dass das Buch von Leuten gelesen wird, die nicht wissen wie wichtig es mir mit dem Thema ist.

Viel lieber lese ich es vor… doch das Vorlesen ist mit dem Ende meiner Beziehung auch erst einmal wieder beendet und fehlt mir.

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